Ausgrenzen kann demokratisch begründet sein – rüdes Ausgrenzen wirkt oft undemokratisch. Bei der AfD kommt beides zusammen: Viele wollen sie politisch brutal isolieren, weil sie als Partei gilt, die Institutionen, Minderheitenschutz und Faktenkultur angreift. Daraus entsteht ein informeller «Cordon sanitaire»: keine Koalitionen, keine Normalisierung, keine Bühne ohne Widerspruch. Das ist als Haltung nachvollziehbar: Wer Demokratie schützen will, setzt Grenzen.
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Aber im Studio kippt diese Abgrenzung häufig in schlechten Stil. Bei Miosga mit Chrupalla war es dafür ein Muster: Unterbrechungen, schnelle Themenwechsel, der Ton eines Kreuzverhörs. Selbst wenn viele Nachfragen inhaltlich berechtigt sind – wenn der Gast keinen Satz zu Ende bringen darf, wirkt es wie eine Vorführung. Und genau davon lebt die AfD: «Man lässt uns nicht reden» wird zur Dauererzählung, die Anhänger zusammenschweisst und Unentschlossene emotional abholt.
Das ist der Kern des Problems: Man verwechselt Härte mit Hektik. Demokratische Streitkultur heisst nicht, Falsches stehen zu lassen – sondern Regeln einzuhalten: ausreden lassen, dann belegen, zuspitzen, festnageln. Wer dauernd unterbricht, signalisiert Unsicherheit, auch wenn er recht hat. Wer ruhig bleibt, zwingt den anderen, sich an Fakten und Logik abzuarbeiten.
Und hier kommt die «deutsche Ausnahme» ins Spiel. Deutschland hat – aus historischer Erfahrung – eine besonders wache Sensibilität gegenüber völkischem Denken, Autoritarismus und dem «Schritt für Schritt»-Abbau von Demokratie. Deshalb ist die Bereitschaft grösser, nicht nur zu widersprechen, sondern auch zu isolieren: lieber einmal zu früh klare Kante als einmal zu spät. Diese historische Verantwortung ist real – aber sie verführt dazu, den Zweck (Abwehr) über die Methode (Fairness) zu stellen.
Gerade weil Deutschland diese besondere Geschichte hat, sollte es sich besonders an die Form halten: gleiche Gesprächsregeln für alle, aber harte Prüfung bei strittigen Aussagen. Denn wenn Abgrenzung wie Ausgrenzung aussieht, entsteht der Eindruck einer geschlossenen Elite – und das stärkt ausgerechnet jene, die man eindämmen will. Demokratisch wirkt nicht die maximale Lautstärke, sondern die maximale Souveränität: reden lassen, dann auseinandernehmen.