Russland führt im Krieg, die Ukraine führt in der Wirtschaft. Während der Kreml Siegesparaden plant, zeigt eine heute erschienene nüchterne Analyse des Wiener Instituts für Weltwirtschaft: Die Wirtschaft der Ukraine wächst mehr als doppelt so stark wie die russische. Ein Land im Bombenhagel überholt den Aggressor im ökonomischen Schritttempo. Das muss man erst einmal hinbekommen.
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Russlands Wachstum ist inzwischen so klein, dass man es fast übersehen könnte – und ähnelt damit ganz nebenbei Deutschland: rund 1 Prozent mit viel gutem Willen. Das ist kein Aufschwung, das ist das wirtschaftliche Äquivalent zu «stabilisiert». Ein Wort, das Ökonomen benutzen, wenn sie nichts Positives mehr zu sagen haben.
Milliarden fliessen in Waffen, Raketen und Uniformen. Doch das alles rechnet sich nicht, sondern wird zerschossen. Produktive Investitionen? Zukunftstechnologien? Fehlanzeige. Eine Volkswirtschaft, die sich zur Rüstungswerkstatt degradiert, darf sich über fehlendes Wachstum nicht wundern. Dazu kommt die stille, aber teure Nebenfront: Inflation und Zinsen. Die Preise steigen, die Kaufkraft schmilzt. Die Zentralbank steuert gegen, hält die Zinsen hoch wie ein Schutzschild gegen den eigenen Kontrollverlust. Kredite werden Luxus, Investitionen Risiko, der Konsum schrumpft.
Und dann die Sanktionen. Nein, sie haben Russland nicht über Nacht in die Steinzeit zurückgebombt. Aber sie wirken wie ein langsames Gift: Öl wird nur mit Abschlägen verkauft. Technologie kommt an, aber teurer und schlechter. Geld fliesst, aber umständlich und ineffizient. Die russische Wirtschaft lebt noch, aber sie lebt schlechter.
Auf der anderen Seite steht die Ukraine immer noch. Ein Land ohne Sicherheit, mit zerstörter Infrastruktur, abhängig von externer Hilfe – und trotzdem wirtschaftlich dynamischer als Russland. 2,5 Prozent Wachstum schätzen die Wiener Ökonomen für 2026. Das ist kein Wunder, sondern Logik: In der Ukraine wird investiert, reformiert, improvisiert. Wachstum entsteht nicht aus Überfluss, sondern aus Zwang. Das ist keine Erfolgsgeschichte, sondern eine Überlebensleistung.
Die politische Pointe: Der Krieg, der Russland stark erscheinen lassen soll, macht es wirtschaftlich klein. Und das Land, das so sehr am Tropf des Westens hängt, entwickelt mehr ökonomische Bewegung als der Grossmachtstaat.