Bis zur Eröffnung des Schweizer Aktienmarktes am 7. April 2024 hat der SMI seit seinem jüngsten Höchststand vom 3. März 2025 rund 17 Prozent an Wert eingebüsst. Damit wurden nicht nur die diesjährigen, sondern auch die letztjährigen Kursgewinne ausgelöscht. Der Auslöser dafür ist klar: die amerikanischen Strafzölle, im Falle der Schweiz von bis zu 32 Prozent. Dass sich viele Aktien im freien Fall befinden, hat auch mit der Finanzmarktregulierung zu tun. Früher haben viele Banken Massenverkäufe mit ihren eigenen Handelsportefeuilles aufgefangen. Heute ist dies wegen der hohen Eigenmittelunterlegung und Risikovorschriften nicht mehr der Fall, weshalb sich Panikverkäufe voll in sinkenden Kursen niederschlagen.
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Eine zweite wichtige Veränderung an den Finanzmärkten ist die in den letzten Jahren stark gewachsene Bedeutung der institutionellen Anleger. Zu Beginn der Statistik Ende 1998 besassen diese 45 Prozent der bei Schweizer Banken in der Schweiz deponierten Vermögenswerte. Heute sind es über 75 Prozent. Soweit es sich um börsengängige Anlagefonds (ETF) handelt, wechseln solche Fonds bei einem Verkauf lediglich die Hand. Kommt es aber zu Zertifikatsrückgaben an die Fondsverwaltung, dann sind diese praktisch gezwungen, einen Teil der in den Fonds enthaltenen Wertschriften, eben auch Aktien, abzustossen, denn sie müssen für ausreichend Barmittel sorgen, um die Einreicher von Zertifikaten auszuzahlen. Sie können deshalb kaum taktieren und werden in einer ersten Phase die liquidesten Titel verkaufen.
Auch dieses Mal haben die Blue Chips mit 18 Prozent seit dem Höchstkurs deswegen weit stärker verloren als die Mittelgrossen (−16 Prozent) oder die Kleinkapitalisierten (−10 Prozent). Viele institutionelle Anleger haben aus früheren Crashs gelernt, dass der Verkauf von Grosspositionen an Nebenwerten in Stresssituationen nur zu enormen Abschlägen möglich sind. Deshalb werden diese durchgehalten.
Die US-Schutzzölle treffen Europa in einem Moment, wo die Konjunktur ohnehin schwächelte und ein enormer staatlicher Schuldenschub für die Aufrüstung und die Reparatur der Infrastruktur bevorsteht. Die Langfristzinsen sind zwar seit dem jüngsten Anstieg wieder abgeflacht, aber wenn es in den USA tatsächlich zu einem Inflationsschub kommt, weil die Schutzzölle die Importe um theoretisch 600 Milliarden US-Dollar verteuern, dann sind weitere Leitzinssenkungen in den USA fraglich. Die Schweiz wird zudem von den erneut schwächeren Leitwährungen getroffen. Nicht nur der US-Dollar, sondern auch der Euro liegt wieder unter dem Jahresendstand 2024. Der US-Dollar hat seit Jahresbeginn 5,8 Prozent, der Euro 0,6 Prozent eingebüsst.
Es ist nicht der erste Crash, den wir erleben. Persönlich hat mich der 19. Oktober 1987 am stärksten erschüttert. Ich war damals auf Kundenbesuch in Mailand, wo Panik herrschte. In Zürich und in Frankfurt, sogar in London das gleiche Bild: Verzweiflung und Ratslosigkeit. Einzig in Edinburgh herrschte Besonnenheit. Edinburgh war damals einer der wenigen Finanzplätze ohne physische Börse, weshalb die dortigen Vermögensverwalter nicht von der Hysterie der Börsenhändler angesteckt wurden. Die Schotten betrachteten die damals undifferenzierten Massenverkäufe als einmalige Chance dafür, Neuanlagen zu tätigen, aber vor allem auch dafür, Umschichtungen in den Portefeuilles vorzunehmen. Die Portfolio-Manager klagten zwar über viel Arbeit, weil sie die Verwerfungen der Bewertungen auswerten mussten, aber sie hatten recht.
Es lohnt sich, die Angemessenheit der unterschiedlichen Kurskorrekturen zu analysieren. Die Verlustspanne der SMI-Titel seit Ende 2024 bis heute schwankt zwischen −1,3 Prozent (Swisscom) bis −23,7 Prozent (Logitech). Ebenso gilt es die Gründe für die Verkaufspanik zu überdenken. So rasch, wie Schutzzölle eingeführt werden, können sie auch wieder verschwinden. Laut Medienberichten sollen fünfzig Länder Schlage stehen, um mit den USA zu verhandeln. Sollte das Endziel der USA eine weltweite Ausdehnung des Freihandels ohne Zölle sein, dann wären selbst ein paar Monate Schmerz und Pein ein tragbarer Preis dafür. Aber garantiert ist diese Vermutung keinesfalls.