In einem Essay mit dem Titel «Was ich gern früher über Deutschland gewusst hätte» zieht der chinesische Künstler Ai Weiwei ein schonungsloses Fazit nach Jahren im Land.
Er beschreibt Deutschland als eine Gesellschaft, die sich zwar an Regeln klammert, aber moralisch orientierungslos ist. «Eine Gesellschaft, die gehorsam ist, ohne Autorität zu hinterfragen, ist zum Verderben verurteilt», schreibt Ai Weiwei. Das Land leide an einem Übermass an Bürokratie, das Denken und Verantwortung abtöte.
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Besonders kritisch sieht er die Selbstzufriedenheit vieler Deutscher. «Wenn die Mehrheit glaubt, sie lebe in einer freien Gesellschaft, ist das oft ein Zeichen, dass sie es nicht tut», warnt er.
Schweigen über heikle Themen – etwa über die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines – sei gefährlicher als jede Bombe. Medien, die Konflikte mieden, um sich bei der Macht beliebt zu machen, seien «Komplizen der Autorität».
Ai Weiwei beschreibt Deutschland als Land, das aus Angst vor Unordnung geistig erstarrt ist. Kulturell erkenne er nicht Kunst, sondern «kollektive Selbstbeweihräucherung». Kunst, die nicht provoziert, sei wertlos – und genau solche werde gefeiert. Auch kulinarisch und sozial zeigt er sich ernüchtert: zu viele schlechte China-Restaurants, zu wenig Humor, zu viel Ernst.
Sein Fazit: Unter der Oberfläche von Ordnung und Rationalität herrsche ein stiller Autoritarismus. «Wenn ein Land individuelle Selbstwahrnehmung und Eigenverantwortung auslöscht, lebt es unter eisernen Wänden der Unterdrückung.»
Anmerkung: Den Text reichte Ai Weiwei als Kolumne im Magazin der Zeitung Die Zeit ein. Die Veröffentlichung wurde allerdings von Johannes Dudziak, dem Chefredakteur des Zeit-Magazins, gestrichen, schreibt der Künstler.