Es ist Dienstag, 16. Dezember. Guten Morgen, herzlich willkommen im Adventskalender. Good morning from Manhattan. Ich weiss nicht, sehen Sie mich? Ich sitze hier an der Bar zwischen diesen beiden Herren. Ich bin der ohne Hut. Für einmal senden wir nicht aus Bern, sondern aus Manhattan, New York, aus dem Jahr 1942. Edward Hopper hat dieses Bild gemalt. Es gehört zu den bekanntesten amerikanischen Bildern. des 20. Jahrhunderts, auch zu den teuersten. Über 100 Millionen Dollar müsste ein Käufer heute wohl auf den Tisch legen. Das Bild heisst Nachtfalken, Nighthawks. Nachtschwärmer könnte man auch sagen. Denn ja, das sind die paar Leute, die sich hierhin verehrt haben. Nachtschwärmer, die aus irgendeinem Grund nicht nach Hause gehen wollen. Denn ich meine, schön ist es ja hier nicht. Schauen Sie sich um, da diese kahlen Wände, komplett hell ausgeleuchtet, nicht ein Bild aufgehängt. Absolut schmucklos, nur diese komischen Metalltanks da für Kaffee und Teewasser. Gäste hat es auch fast keine. Ein Paar hier neben mir, wenn es denn ein Paar ist, ich bin nicht sicher. Gut, sie ist ihm wahrscheinlich sympathisch und er ihr auch, jedenfalls streckt sie ja die Hand so ein bisschen zu ihm rüber. Und dann da rechts von mir dieser eigenartige Mann, sie sehen ihn ja gar nicht, aber ich sehe ihm ins Gesicht, geheimnisvoll etwas eigenartig. Und auch draussen ist die ganze Stimmung so, es ist menschenleer. Nichts auf der Strasse, absolut leergefegt, piekfein aufgeräumt, kein Abfall. Der Boden grün gemalt, als wäre es natürlicher Rasen, aber es ist natürlich hart und kalt, dieser Boden. Was löst dieses Bild in ihnen aus? Warum wurde dieses Gemälde so berühmt? Vielleicht, weil es ein Gefühl erfasst. Einsamkeit. Leere Strassen, leere Hocker, leere Gesichter. Das ist Einsamkeit. Gemalt. Draussen kein Mensch. Die Fenster am gegenüberliegenden Haus, Menschen leer, Schaufenster abgeräumt, nichts und niemand in diesem Bild draussen. Einsamkeit, ein Gefühl, das dich und mich befallen kann, beim Alleinsein natürlich, aber ebenso, wenn du mitten unter Leuten bist und dann tut die Einsamkeit besonders weh, wenn um dich herum alle diskutieren und lachen, du aber kannst nicht mitlachen und du magst auch nicht mitdiskutieren. Du bist zwar nicht allein, es hat Leute um dich, aber du fühlst dich allein. Bei der Arbeit, im Tram, im Zug, im Altersheim, im Spital oder am schlimmsten vielleicht sogar zu Hause im Familienkreis. Einsamkeit, jeden kann es befallen. Und Hopper hat ein Bild gemalt, das das ausdrückt. Und er hat diesen Mann hier neben mir von hinten gemalt. Und aus ihrem Betrachtungswinkel ist der Mann genau im Zentrum des Bildes. Das ist kein Zufall. Es ist, als wollte der Maler sagen, dieser anonyme Mann. Der kann jeder sein. Das kannst du sein. Es kann auch dir geschehen, dass du plötzlich am Abend so allein bist wie er. Und darum der Tagestipp. Nimm dir Zeit für Einsame. Schau um dich herum. Wer sitzt da immer für sich alleine? Wer spricht nie ein Wort? Wessen Gesicht ist verschlossen und fahl? Einsamkeit kann man manchmal sehen, nicht immer. Aber manchmal sieht man es in den Augen der Menschen. Denn Einsamkeit tut weh. Und wenn du kannst, lindere den Schmerz. Nicht überall, das kannst du nicht, aber bei einem einsamen Menschen, den du kennst, schenk ihm deine Zeit, schenk ihm deine Nähe. Nimm dir Zeit für Einsame. Liebe Zuschauerinnen, liebe Zuschauer, in diesem Gemälde steckt noch viel mehr. Edward Hopper ist ein genialer Maler. Wir lassen das Bild am Ende des Videos noch ein bisschen stehen. Und wir sehen uns wieder morgen mit einem neuen Bild und einem neuen Thema. Und es geht dann noch eine Woche bis Weihnachten. Bis dann, alles Gute, einen aufmerksamen Tag und
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