Kommt sie, kommt sie nicht? Bis zur letzten Stunde schien ungewiss, ob María Corina Machado am Mittwoch zur Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo erscheinen würde. Die venezolanische Oppositionspolitikerin ist vor fast einem Jahr in Caracas abgetaucht.
Als Machado am Mittwoch spätabends in Oslo eintraf, war die Feier bereits vorbei. Gemäss Wall Street Journal (WSJ) war die Verspätung dem schlechten Wetter verschuldet: Machado war mit einem Fischerboot vom venezolanischen Festland auf die Karibikinsel Curaçao geflohen. Von dort flog sie in einem Privatjet, den ihr die Trump-Regierung zur Verfügung gestellt hatte, via USA nach Norwegen weiter.
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Gemäss WSJ begann die Flucht von Machado, die in einem Vorort von Caracas in der Klandestinität lebte, am Montag. Bis zur Küste habe die unter anderem mit einer Perücke getarnte meistgesuchte Frau des Landes unter falschem Namen zehn Checkpoints des Militärs passiert. Starke Winde und ein hoher Wellengang hätten am Dienstag die Weiterreise um mehrere Stunden verzögert.
Via Curaçao und Aruba sind schon viele Oppositionelle aus Venezuela geflohen. Wie stark die USA involviert waren, lässt das WSJ offen. Tatsache ist, dass am Dienstag mehrmals FA-18-Kampfjets der US-Marine über dem fraglichen Gebiet kreisten. Zweifellos war die Überfahrt zumindest koordiniert mit den US-Streitkräften, die in dieser Gegend schon mehrere Drogenboote abgeschossen haben.
An Machado Stelle nahm ihre Tochter Ana Corina Sosa (33) in Oslo den Preis entgegen. Wie ihre Mutter ist sie Ingenieurin, sie hat in Caracas studiert, arbeitet als Topmanagerin in der IT-Branche, verfügt über einen Harvard-MBA und lebt seit 2012 in New York im Exil. In einer bewegenden Rede rekapitulierte sie die Geschichte von Venezuela, einem prosperierenden demokratischen Land, das im letzten Jahrhundert Millionen von Flüchtlingen aus allen Konfliktherden der Welt aufgenommen hatte. Sie beschrieb, wie das Narco-Regime von Hugo Chávez und Nicolás Maduro Venezuela sukzessive in eine Hungerdiktatur verwandelt hatte. Gemäss Uno leben heute neun Millionen Venezolaner im Exil.
Ana Corina Sosa erklärte auch, warum ihre Mutter den Preis mehr als verdient habe: Im letzten August gelang es der Oppositionsführerin mit einem stillen Heer von 600.000 Helfern, die Resultate von 30.000 elektronischen Wahlurnen zu sichern und Maduros plumpen Wahlbetrug sauber nachzuweisen.
Das venezolanische Regime behauptet, hinter Machados Flucht stecke ein «diplomatischer Deal». Falls dem so wäre, ist allerdings nicht einsehbar, warum die Diktatur die Oppositionsführerin nicht einfach offiziell ausreisen liess. Sie hätte sich damit eine kolossale Blamage erspart.
Mag sein, dass die Verzögerung der venezolanischen Opposition ganz gelegen kam. Machados redegewandte Tochter ist, im Gegensatz zu ihrer Mutter, ein politisch unbeschriebenes Blatt. María Corina Machado unterstützt den US-Aufmarsch vor der Küste Venezuelas offen, Ana Corina hat sich zu dieser Frage nie geäussert. Sie bewahrte das Nobel-Komitee damit vor einem heiklen Dilemma.