Nach der überraschenden Verhängung von 39 Prozent Einfuhrzoll auf Schweizer Exporte seitens der US-Regierung ist in Bern ein offener Streit über die Verantwortung ausgebrochen. Im Zentrum der Kritik steht Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter, der eine schwere Fehleinschätzung im Umgang mit der Regierung Trump vorgeworfen wird. Sie habe die Handelsgespräche mit Washington überschätzt und «den grössten diplomatischen Reinfall seit 1515» zu verantworten, wie Schweizer Medien urteilen.
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Laut einem Bericht der Financial Times endete ein 30-minütiges Telefonat mit Donald Trump für Keller-Sutter in einem «Desaster». Die Schweiz habe auf ein Abkommen mit einem moderaten Zollsatz von 10 Prozent gehofft – stattdessen folgte am 1. August, dem Nationalfeiertag, die Verhängung eines 39-Prozent-Zolls. Der Frust ist gross: «It’s knives out», zitierte die Zeitung einen ehemaligen Schweizer Diplomaten, «die Messer sind gezückt».
Auch die mächtige Pharmaindustrie gerät zunehmend in den Fokus. Firmen wie Roche und Novartis, die massiv in den USA präsent sind, hätten laut Beobachtern mit überhöhten Medikamentenpreisen den Zorn Trumps auf sich gezogen. Dessen Regierung hatte der Branche zuletzt mit Briefen zur Preissenkung gedroht.
Während einige Schweizer Vertreter auf weitere Zugeständnisse hoffen, um doch noch einen besseren Deal zu erzielen, wächst die Erkenntnis, dass die Schweiz im geopolitischen Kräftemessen kaum vorbereitet war. «Wir sind nicht gut in internationaler Machtpolitik», räumte ein Beteiligter gegenüber der Financial Times ein.