«Lesen macht sexy» steht in der grossformatigen Anzeige.
Das stimmt, denke ich erregt bei mir, Bücherwürme! Die identifiziert man doch schon von alters her mit einer Ausdünstung von subtiler Erotik!
Was in aller Welt ist attraktiver als so ein Vierauge, das den ganzen Tag die Nase in staubige Folianten steckt?
Hierum dreht sich ja überhaupt das Menschendasein: Sexy sein, das ist der Massstab!
Mein Blick wandert weiter über das Plakat: Aha, es geht um 20 Minuten. Noch besser. Goldig. Nicht so altbacken. Bei den Texten in dieser famosen Zeitung könnte man auch von überlangen Bildunterzeilen unter pfiffig ausgewählten Illustrationen sprechen. Damit ist zum Glück die Assoziation mit der einsamen Leseratte in der Studierstube vom Tisch. Die ist ja eher unsexy.
Dann das Model auf der Werbung: ein gutaussehender Bahnfahrer, Typ diskreter Gutverdiener, der versonnen lächelnd auf sein Handy starrt. Nein, «starren» ist zu hart gesagt, es ist ein wohlwollendes Schauen, ein wissendes Visionieren. Oder so ähnlich. Der Ausdruck eben des wahren Lesers!
Und damit sind wir nun zu unserer Erleichterung ganz in der Gegenwart angekommen: Aufs Handy glotzen ist sexy! Was das heisst? Schauen Sie sich im Tram, im Bus, auf der Strasse um: Alles Leser! Sexyness ist überall! Oder?
Eins jedenfalls ist sicher: Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die Sie die beachtenswerte intellektuelle Leistung erbringen, diese Zeilen hier zu rezipieren – Sie also, die den vorliegenden Text lesen – Sie sind definitiv sexy!